Zu jedem Treffen unseres Schreibateliers gehört ein Schreibimpuls dazu. Mal arbeiten wir mit Bildern, mal mit einzelnen Wörtern oder kleinen Aufgaben. Bei unserem letzten Treffen hatten diesmal unsere beiden jüngsten Mitglieder die Idee vorbereitet – und allein das hat schon für viel Vorfreude gesorgt.

Die beiden brachten einen ganzen Stapel Bücher mit. Für jede Person lag eines bereit, doch selbst aussuchen durfte niemand. Stattdessen wurde gewürfelt. Und irgendwo in dem zufällig bestimmten Buch wartete dann der erste Satz der Geschichte, die man in den nächsten Minuten schreiben sollte.

Natürlich hatten die beiden sich auch dafür etwas einfallen lassen, wie man die richtige Stelle findet. Dafür nahm jede Person einfach ihren Geburtstag als Seitenzahl. Eine wunderbar einfache Idee, die sofort etwas Spielerisches und Geheimnisvolles hatte – fast so, als würde das Schicksal selbst entscheiden, welche Geschichte erzählt werden möchte.

Ich landete schließlich bei dem Buch „Salz und sein Preis“ und schlug Seite 35 auf. Dort stand der Satz:

„Eigentlich sah er am ehesten aus wie ein Holzfäller, dachte Therese.“

Und plötzlich passiert genau das, was wir am Schreiben so lieben. Ein einziger Satz reicht aus und sofort entstehen Bilder im Kopf. Von wem spricht Therese? Warum denkt sie das? Es entstand folgende kurze Geschichte:

Eigentlich sah er am ehesten aus wie ein Holzfäller, dachte Therese. Sie betrachtete den Neuzugang, der heute Abend kurz vor Feierabend im Tierheim abgegeben worden war. Der kleine Kater mit den aufmerksamen ockerfarbenen Augen strich ihr um die Beine. Augenscheinlich war er ein Bengalen-Mischling, allerdings zeigte sich die typische Maserung nur vom Hals bis zum Bauch, sodass es aussah, als würde er ein Hemd tragen. Therese lachte: „Na du, wo gehörst du denn hin?“ Sie strich dem kleinen Kerl liebevoll um die Ohren. Er begann zu schnurren, blickte zu ihr auf und piepste ein leises „Mi?“, als würde er fragen wollen: „Zu dir?“ Er kletterte auf ihren Schoß und rollte sich zusammen. Therese seufzte zufrieden. „Na vielleicht gehörst du ja zu mir.“

Es war einer dieser Abende im Schreibatelier, an denen man wieder merkt, dass Geschichten manchmal gar nicht viel brauchen. Nur ein paar Bücher, zwei kreative Mädchen und einen einzigen Satz, der plötzlich eine ganze Welt öffnet. Es sind ganz wunderbare kurze Texte entstanden.